Sonjas Visionboard
22/100 Tales of Silk | Ein Wink des Schickals
Vorhin hatte sie den Prittstift noch in der Hand. Aber jetzt war er unauffindbar. Dabei wollte sie doch endlich ihre Collage beenden, die ihrem neuen Lebensjahr eine Richtung geben sollte. Visionboard nannten sie das in dem Kurs, den sie online dazu belegt hatte. Und irgendwo tief in ihr hegte sie Zweifel, ob so eine simple Tätigkeit wie das Zusammensuchen von Bildern ihr helfen sollte, Ordnung in das Chaos zu bringen, das ihr letztes Jahr so übrig gelassen hatte.
Sie streckte den Rücken durch, nachdem sie so lange schon auf dem Boden gehockt hatte, und dehnte sich. Noch einmal ließ sie den Blick über die Zeitschriften, Bildausschnitte, Scheren und Papiere gleiten. Aber nein, der Prittstift blieb einfach verschollen. Ob das nun ein Wink des Schicksals war? Sollte sie dieses kitschige Pärchen, das sie zuletzt ausgeschnitten hatte, lieber nicht mit auf ihr Visionboard kleben?
Sie versuchte sich daran zu erinnern, was man ihr im Kurs darüber gesagt hatte. Dass es auf die “good vibrations” ankam, hm. Vielleicht war der Kitsch ein bisschen viel. Aber all diese anderen Bilder irgendwo zwischen Sonnenuntergang und Freiheit sprachen zu ihr. Sie schwörte, dass sie dadurch ein bisschen auflebte und sich mutiger und gelassen zugleich fühlte. OK, das musste ja niemand glauben, solange sie es sich selbst zu glauben erlaubte.
Sie nahm das Bild mit dem kitschigen Kuss vom großen Werk runter und zerknüllte es. Romantik, pah! Vielleicht im nächsten Leben wieder! … Sie zog sich den Stapel an Zeitschriften herüber und suchte noch einmal etwas anderes, um diese letzte Lücke zu füllen. Ha, da rollte auch der Prittstift sanft unter dem Stapel hervor. Na, wenn das kein Wink des Schicksals war …
So, jetzt bin ich gespannt! Würdest du dieses mysteriöse Verschwinden eines Klebestifts als Zeichen werten?
Ich muss dazu sagen, dass ich die ganze Zeit grinsen muss, weil ich Visionboards echt liebe, aber es hier so herrlich kreativ aus mir heraus floss, einmal all den Zweifeln und der künstlich aufgeheizten Symbolik ein bisschen Raum zu geben.
Ich habe letztens eine wissenschaftliche Untersuchung über Visionboards gelesen und leider ihre Quelle gleich wieder vergessen. Nicht alles wird wahr, wie man uns in “The Secret” glauben machen will, aber die Bilder und Ausrichtung können durchaus helfen, sich auf Gefühle und Ergebnisse einzustimmen und sie dadurch leichter ins Leben holen. Ein bisschen wie Mottoziele nach Maja Storch, die ja auch mit Bildern arbeiten.
Also täte meine fiktive Protagonistin vielleicht gut daran, ihren romantischen Frust nicht bis ins nächste Leben auszuweiten, oder?
Was meinst du?
—Silke

Über den Prittstift musste ich schmunzeln. Und ich glaube, der Wink des Schicksals war nicht, dass er verschwunden ist, sondern dass sie in dem Moment, in dem er weg war, angefangen hat, selbst zu entscheiden, was aufs Board gehört und was nicht. Das kitschige Pärchen wäre wahrscheinlich auch ohne verschwundenen Klebestift rausgeflogen.
Manchmal braucht es nur einen kleinen Vorwand, um zu tun, was man eigentlich schon weiß.